Liebenswerte Melancholie und zarte Lebendigkeit

Ich mag zufällig entstandene Strukturen und Zusammensetzungen, die durch natürliche Prozesse wie Verwitterung und Abnutzung an Materialien hervorgegangen sind oder durch druckgrafische Techniken wie z. B. Frottage oder Monotypie entstehen. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre optische Erscheinung nicht vordergründig designt wurde und dass quasi unbeabsichtigt immer Unikate entstehen. Die so hervorgebrachte Einzigartigkeit vermittelt mir dabei in erster Linie Authentizität: Das Leben und natürlich Gewachsenes formen meistens keine perfekten Anmutungen, sondern bringen eher unregelmäßige Formen zu Tage, die – naturgemäß losgelöst von modischen Befindlichkeiten – oft eine tiefer liegende Schönheit offenbaren.
Weitere visuelle Anziehungspunkte für mich sind klare, reduzierte Formen, Raster und Strukturen wie beispielsweise in der Typografie, bei Piktogrammen oder auch bei Baukonstruktionen. Sie sind im besten Fall auf wesentliche Elemente reduziert. Dadurch entstehen in sich abgeschlossene, fein aufeinander abgestimmte Systeme, die eine starke Prägnanz besitzen und sehr harmonisch wirken.
Die Kombination aus beidem, sowohl den natürlich-unregelmäßigen als auch den konstruiert-geordneten Formen und Strukturen, reizt mich visuell am meisten. Oft entstehen für mich erst im Zusammenspiel von beiden Elementen die nötigen Spannungsfelder, die die Bildwirkung ausmachen: Einerseits energiegeladen und lebendig, andererseits klar und aufgeräumt.
Die alte japanische Ästhetik-Auffassung meines Diplom-Themas »Wabi Sabi« gründet sich auf ähnliche Prinzipien und erscheint mir als eine sehr ehrliche Art, die Welt wahrzunehmen. Unregelmäßigkeit, Unvollkommenheit und Vergänglichkeit stehen als Zeichen des Lebens selbst im Mittelpunkt. Hier gelten die Dinge oft dann am schönsten, wenn sie kurz vor ihrem endgültigen Verfall stehen (sabi). Dazu kommt eine »ästhetische Wertschätzung von Armut«, Armut im Sinne von Einfachheit und Reduktion (wabi): Bei Wabi-Sabi befreit man sich von überladenen und aufdringlichen Hochglanz-Zwängen und schaut stattdessen den Dingen mit ihren klaren Kanten und Furchen ehrlich ins Gesicht. Und oft findet sich darin diese einzigartige und ganz natürliche, liebenswerte, zuweilen auch leicht melancholische Ästhetik. Das hat für mich etwas tief Belebendes und Befreiendes.